• Robin

Tinder und die ewige Suche



Als Single muss man es in Deutschland schon lange nicht mehr schwer haben. Seit der Erfindung von Tinder dürfen sich lüsterne Dauersingles hemmungslos und ohne peinliches Vorgeplänkel ihrer Lust den ultimativen Kick verpassen. Genau genommen braucht es zwei Minuten, um sich zum Sex-Sells-Kosmos zählen zu dürfen. App-Store öffnen, Tinder installieren, paar Mark Fuffzig investieren, um zusätzlich noch den weggezogenen Ex-Partner stalken zu können und schon kann es losgehen. Ein schlüpfriges Geschäft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Während man früher mühselig mit der ausgewählten Person so eine Art "Kurz-Date" durchleben musste, gegebenenfalls sogar gemeinsam ein Glas Wein oder Piccolo vernichtete, bedarf es heute lediglich ein paar Swipes. Mittlerweile wird die App von so vielen Menschen verwendet, dass ich mich frage, warum Tinder auf Smartphones nicht längst schon als Standard-App angeboten wird.


Ich kenne keine Person in meinem Umfeld, der oder die nicht mindestens einmal auf einer Singlebörse wie Tinder auf Beutejagd gegangen ist. Spätestens wenn die erste Langzeitbeziehung von vier Monaten zu Brüchen geht, ist alles nur noch scheißegal. Während das Patentrezept immer hieß „Erst Gejeule, dann Gekeule“, rät man sich heute (unter guten Freunden), nach einer zerbrochenen Liebe, die Partnersuche digital fortzusetzen. Warum auch nicht? Es gibt wirklich keinen Grund, warum man eine so einfache Möglichkeit, um an Ablenkung zu kommen, einfach ignorieren sollte. Sich über Trends hinwegzusetzen ist logischerweise ohnehin nicht In und so ist es auch eine Art der sozialen Angepasstheit. Wie auch immer. Hat man also seine Ausgewählte oder seinen Ausgewählten in der App identifiziert und das jeweilige Profilbild (gerne auch gleich einen ganzen Bilderordner) für gut befunden, muss man nur noch nach rechts swipen. Dann heißt es abwarten, bis die andere Person es ebenfalls mit einem treiben möchte. Wenn jemand jetzt befürchtet, man könne leer ausgehen: Das Geheimnis ist, so viele Leute durch ein Swipe nach rechts für ihr Aussehen zu loben, dass das Risiko, nicht von einer Person akzeptiert zu werden, quasi bei Null liegt. Einen wirklich offensichtlichen Korb zu kriegen ist also nahezu unmöglich. Und ohne die dauernotwendige Bestätigung auszukommen ebenfalls.


Kommt es nun also zu einem „Match“, heißt es statt Herzschmerzsongs à la Sam Smith nun Zarah Leander anzuschalten und sich für den großen Bang aufzudonnern: „Nur nicht aus Liebe weinen, es gibt auf Erden nicht nur den Einen.“ Wie bei einer Freundin von mir, bei der „nicht nur der Eine“ über 55 Typen bedeutete. Singlebörsen sind die beste Möglichkeit, die fünf Phasen der Trauer nach einer Partnerschaft einfach zu überspringen und den großen Herzschmerz mit einer radikalen Befriedigung der eigenen Libido zu betäuben. Abends der Quickie, morgens die Antidepressiva.


Dating-Apps machen es einem leicht, die Gründe, weswegen wir uns von unseren Partnerinnen und Partnern trennen, ganz schnell zu vergessen. Date, Beziehung, Trennung, Zarah Leander, Tinder. Der Weg ist das Ziel. Erlaubt ist, was Spaß macht. Wobei „Spaß“ hier wohl nur eine euphemistische Kategorie ist. Zumindest wenn ich beobachte, wie eifrig die App in Vorlesungen mit neuen Bildern bespielt wird. Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Klar, dass die grüne Wiese dann irgendwann abgegrast ist. Wiedersehen macht Freude. Aber nur so lange keine Gefühle im Spiel sind. Ich glaube, ich habe soeben die Antwort auf die Frage gefunden, wieso Studis alle Nase lang ihren Studienort wechseln. Kennt ihr den Film „Die Wanderhure“ mit Alexandra Neldel? Oder „Spartacus“? Wie im alten Rom wird sich in Betten rumgewühlt, bis sich das Asbest von der Decke löst – von der übermüdeten Nachbarin, der spätestens nach dem dritten Supermatch das Wasser in den Beinen kocht, mal abgesehen.


Singlebörsen machen was mit uns und ich frage mich, ob solche Apps nicht genau das widerspiegeln, was mich und meine Generation auch ein stückweit ausmacht. Irgendwie immer auf der Suche, aber unfähig, auch mal anzukommen. Genügsamkeit. Erst vor Kurzem habe ich zwei Mädchen (vielleicht gerade volljährig) miteinander die Causa Tinder besprechen hören. Ein Evaluationsgespräch über Maggies Dreiecks-Tinder-Beziehung mit dem süßen Schweden und dem gut gebauten Dennis. Und über ihre Sorge, ihr Ex könnte gesehen haben, dass sie versehentlich Tinder und Facebook verknüpft hat. Während die beiden Freundinnen an der Haltestelle des nächstgelegenen Starbucks-Stores aussteigen, darf ich noch ein paar Stationen weiterfahren und eine ältere Dame beobachten, die es gerade so geschafft hat, sich noch einen Platz zu ergattern. Ich glaube, ich werde sie mal fragen, wie man früher sein Glück gefunden hat…

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