• Robin

Generation Y. Was können wir eigentlich?

Aktualisiert: 5. Nov 2019



Wenn ihr in den 80er- und 90er-Jahren geboren seid – ihr wisst es – gehört ihr zu der sogenannten Generation Y. Wir sind „Digital Natives“, der Agilitätsgrad eines Unternehmens entscheidet, wo wir arbeiten und „Work-Life-Balance“ ist das elfte Gebot. Eine Netflix-Kurzserie nach der anderen spiegelt unser vermeintliches Leben wider und auf dem Weg zur Uni oder zur Arbeit dürfen wir mürrischen Rentnerehepaaren erklären, wieso wir so viel am Handy hocken. Wir versehen unsere WhatsApp-Nachrichten in besorgniserregender Regelmäßigkeit mit Hashtags, haben direkt im ersten Semester den Traum der Regelstudienzeit aufgegeben und genießen sichtlich den Luxus des Dauerzögerns. Liebe Generation Y, was können wir eigentlich?


Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich damals ausgezogen bin. Sechs Jahre ist es nun her. Ich verstand mich als Exot und Individualist, wollte etwas ganz Neues wagen. Und so entschied ich mich für ein Work & Travel-Programm. Ihr wisst schon: Ich muss mich erstmal selber finden und mich selber lieben, bevor ich andere lieben kann. Es sollte frech, keck und waghalsig werden – Großbritannien, ich komme. Genau genommen mein Venti-Soya-Tripleshot-Vanilla-Latte-Traum-Städtchen London. Der leicht snobistische britische Akzent passte gut zu dem Post-Abitur-Hochmut, ebenso wie zu meinem leicht konservativ rasierten Scheitel auf dem Kopf. Und einfach mal irgendwas zu machen, wofür man Geld bekommt, klang auch verlockend. Wobei das Thema „Arbeiten für sein Geld“ natürlich seine Probleme mit sich zog. Zum ersten Mal verstand ich, wie sich die Ossis nach der Wende fühlen mussten. Wie auch immer, Augen zu und durch. Nach ein paar Wochen Suche landete ich in einem deutschen „Beerhouse“. Language-Skills-Improvement-Pläne, Adieu! Die Zeit verging, aus einem geplanten halbjährigen Trip wurden fast eineinhalb Jahre und allmählich gingen mir die Argumente aus, dem Ernst des Lebens auszuweichen. Es wurde Zeit zurückzukommen und so richtig durchzustarten. Mein Vater schrieb mir zu Beginn meiner Reise einen Brief: „Du wirst wiederkommen und einen Koffer voller Erfahrungen dabeihaben“. Voll war er, der Koffer, voll mit offenen Rechnungen und zu bügelnder Wäsche. Wie herrlich gerührt meine Eltern doch waren von meiner Freude, sie wiederzusehen. Während meine Mutter bei meiner Ankunft (selbstverständlich) mit Freudentränen zu kämpfen hatte, waren es bei meinem Vater sichtlich Tränen der Trauer.


Ich verpasste mir einen eineinhalbjährigen Gesellschaftszwang-Detox, war finanziell in jeglicher Hinsicht abgesichert und hatte im Anschluss mit einundzwanzig Jahren zu keinem Zeitpunkt einen Ausbildungsplan gesehen. Und das Schöne: Es fiel nicht mal auf. Denn zu Erstsemesterbeginn durfte ich feststellen, dass mein „Gap-Year“ sozusagen zum guten Ton der aufstrebenden geisteswissenschaftlichen Elite gehörte und dass die Einzigen, die einen besseren Ruf hatten, „Weltwärts“-Absolventen waren. Die Studienzeit schritt voran, Arbeiten konnte man mittlerweile, man hat Praktika gemacht, ein Ehrenamt übernommen, im ersten Semester alle Prüfungen absolviert und auch sonst sich ganz gut gemacht. Nur der Abschluss, der wird von Semester zu Semester nach hinten verschoben.


Jetzt stellt sich die Frage, wieso erzählt er mir das alles. Ganz einfach: Dieser Geschichte fehlt jeglicher Originalität. Es war eine unfassbar prägende Zeit, ich habe viel gelernt, aber so wirklich individuell war das Ganze nicht. Wie viele kennt ihr, die schonmal im Ausland waren? Wie viele Menschen aus eurem Studium machen nebenbei ein Ehrenamt? Wer von euch hat gesagt: Mensch, hör‘ ma, ich mache eine klassische „Ausbildung“? Oder noch frecher: Bei wem von euch ist ein Ausbildungs- oder Studienende in Sicht? Ja, mit knapp 25 Jahren haben viele Menschen schon beneidenswerte Reisen gehabt oder tolle Ehrenämter übernommen. Wir sind unfassbar gut im Erzählen über all‘ diese Dinge, präsentieren uns hingebungsvoll auf allen möglichen Plattformen, aber so wirklich Dinge zu Ende bringen, fällt uns dann doch recht schwer. Bei den vielen Möglichkeiten wesentliche Ziele aus dem Auge verlieren, hell yes, das können wir! Man könnte meinen, als 29-Jährige(r) in der Facebook-Chronik noch „Studierende(r)“ zu schreiben, dürfte ein Merkmal sein, das verborgen werden sollte. Aber nein, wir verkaufen uns weiterhin gut und gerne als Dauer-Enthusiasten. Jegliches Schamgefühl wird engagiert unterdrückt, schließlich unterscheiden wir uns auch nicht von unserem Umfeld. Und wenn dann doch in einer dunklen Stunde Besonnenheit einkehrt, bedienen wir uns an Neologismen, rechtfertigen aufgeschobene To-Do’s mit unserer Aktivität im queerfeministischen Klimaschutz, erklären verpatzte Deadlines heulend mit der Funklochrepublik Deutschland oder waren zu häufig als Hutbürger demonstrieren.


Wie oft hattet ihr schon einen „Hätte ich doch mal“-Moment? Zum Beispiel dann, wenn wir Instagram geöffnet haben und Personen, die eigentlich zwei Jahre unter uns waren, provokant in Hochzeitskleidung und Arbeitsvertrag in der Hand in diese blöde Kamera grinsen sehen. Oder vielleicht schon eine Familie gegründet haben. Wie meine Schwester, die im kommenden Jahr zum dritten Mal wirft und in einer so unfassbaren Fürsorge ihre Kids großzieht, wie es sich manch einer lediglich für die eigenen Berufsqualifikationen wünscht. Aber nein, wir sitzen daneben, sind nach einem verpatzten Tinder-Date verzweifelter als manche nach einer gescheiterten vierzigjährigen Ehe, haben Social Media nach einer Trennung als ärgsten Feind, streiten, ob nun Xing oder LinkedIn die besseren Chancen auf Erfolg bieten und geraten mit dem Leistungsnachweis für den Studienkredit in Verzug.


Als Teil der Generation Y, die auch noch das große Glück haben in Deutschland und Europa zu leben, machen wir uns – völlig legitimerweise – viele Chancen zu Eigen. Wir reisen, lernen Leute und Kulturen kennen, lernen Dinge, die uns interessieren, nehmen uns vielleicht sogar die Zeit für politische Partizipation und formulieren Ansprüche an uns und unserem Umfeld, wie es sich viele Menschen nur wünschen könnten. Und das ist gut so. Aber sobald es um Konventionen geht, springen wir auf die Barrikaden. Wir wollen einen schnellen Berufseinstieg, aber keine klassische Ausbildung machen (klassisch ist hierbei nicht mit „einfach“ gleichzusetzen!). Wir wollen eine Work-Life-Balance, aber bloß keinen klassischen 9to5-Job. Und natürlich wollen wir den Partner oder die Partnerin für den Rest des Lebens, aber bitte keine klassische Beziehung führen. Wir wollen so viel und der gesellschaftlich akzeptierte Individualismus lässt all das auch noch zu. Nur leider macht unser Überangebot an Möglichkeiten (in dieser digitalen Zeit) genau das so wahnsinnig schwierig. Vielleicht sollten wir in Zukunft mehr Zeit damit verbringen, Dinge abzulehnen, als sie halbgar in Angriff zu nehmen. Denn dann würden wir uns mit Dingen beschäftigen, die wir können und brauchen, als mit all dem, was wir nicht können oder eben nicht brauchen. Generation Y, du kleine Raupe Nimmersatt.

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