• Robin

Freizeitparks: Wo arme Kids noch ärmer werden



Der Sommer verabschiedete sich nun endgültig ins Nirvana und wir Deutsche dürfen endlich wieder aufatmen: Keine Endlosdebatten mehr über irgendeinen temporären menschengemachten Klimawandel und keine Masseneinwanderungen in unsere stolzen deutschen Freibäder. Es wird kalt, frostig und wechselhaft. So wie wir.

Während die letzten Sonnenstrahlen davonschleichen, nutze ich die Zeit, ein paar Peepz auf Social Media zu stalken. Da haben wir einmal den halbintellektuellen Kreuzträgertypen, der ein paar Tage „mit Familie und Freunden“ in der Bretagne verbringt, die Instagood-Wannabe-Fame-Girls, die sich mit Hundezungenfilter in der Fresse beim Fußbaden in Portugal ablichten lassen und eine junge Familie mit Kindern, die – wie jede deutsche Durchschnittsfamilie – die Ostsee für sich entdeckt hat. Während ich die Zeit also nutze, mich mit dem perfekt inszenierten Leben meines Umfeldes zu beschäftigen, frage ich mich, wann ich das letzte Mal eigentlich in einem Freizeitpark war. Jene Parks mit Zuckerwatte, riesigen Aquarien und laut beschallten Achterbahnen. Also richtige Achterbahnen, nicht diese rumänischen Baukastenteile. Ich setze mich an meinem Sendeplan für die neue Good-Life-Instagram-Story-Flut und entscheide, meinen perfekten Social-Media-Freunden noch perfektere Bewegtbilder aus einem Freizeitpark zukommen zu lassen. Eine Liste an likesgenerierenden Hashtags hat mir eine Freundin bereits zukommen lassen und so braucht es nur noch die Eintrittskarten. Und vielleicht noch eine pickelfreie Begleitung, für größeren Traffic.


Ich google die zehn besten Parks in Deutschland und schon stoße ich auf Links zum „Spaß für Groß und Klein“. HansaPark, Heidepark und was es sonst noch so alles gibt. Ich bin erstaunt, wie nutzerfreundlich deren Seiten so gestaltet sind. Wahnsinn, wie schnell und einfach man Tickets buchen kann. So kinderleicht, es erscheint mir fast schon wie eine pervertierte Form von Nächstenliebe. Doch so aufregend die Customer Experience auf besagten Seiten auf den ersten Blick auch sein mag, die kalte Dusche folgt ziemlich abrupt beim Bezahlvorgang. Der Freizeitpark-Preis für zwei Erwachsene: 104€. 104! Einhundertvier! Das sind 208 (in Worten: zweihundertundacht) Mark. Kurz ertönt Horst Seehofer in meinen Ohren, wie er mit amüsierter, flüsternder Stimme vor Journalisten seine berühmt-berüchtigte Obergrenze nannte: Zweihunderttauuuseeeennd. Gott im Himmel…


Ich wäre kein deutscher Student, wenn ich jetzt auf meinen Freizeitparkbesuch verzichten müsste. Eine spontane Erhöhung der Studienkredit-Rate, verheulte Blicke an Omi und eine Aufzählung diverser lebensnotwendiger Ausgaben vor Mutti. Meiner Instagram-Story steht nichts im Wege. Eine Frage stellt sich mir dennoch: Wo haben eigentlich arme Kinder Spaß?

Bedienen wir uns mal ein paar Klischees und basteln uns eine arme Durchschnittsfamilie zusammen. Natürlich ein Vater (35 Jahre), eine Mutter (33 Jahre) und zwei Kinder (der Junge ist 7 und das Mädchen ist 12). Will der Vater (Florian) nun mit seiner Göttergattin (Nancy)und den Kindern Justin und Chantal in den Park, dürfen sie erst einmal 4 Euro Parkgebühren hinblättern. Vermutlich aber auch nicht, denn arme Menschen fahren ja Bus. Aus dem Auto (oder dem Bus) ausgestiegen geht es an die Kasse, wo es erst einmal durchatmen heißt. „Familienfreundlich“ steht ganz groß an jeder Kassenscheibe und Kinder bekommen Rabatte. Anstatt der stolzen Summe von 52€ müssen sie lediglich 44,50€ zahlen. Puuh, Glück gehabt. Quasi geschenkt. Einziger Wehrmutstopfen für Papa Florian und Mama Nancy: Die großzügige Ermäßigung zählt ausschließlich für Kinder. Und Entschuldigung, Chantal ist mit ihren zwölf Jahren bei bestem Willen kein Kind mehr! Mit zwölf Jahren ist man glasklar erwachsen und zahlt gefälligst 52€. Bitte, danke. Muss sich dann auch der Kassierer (oder die Kassiererin) denken und anschließend dankbar die Hand ausstrecken. Ob sich 200,50€ in der Hand wohl schwer anfühlen? Ich weiß es nicht, ich habe eine Kreditkarte. Die Goldene.


Da wir schon beim Thema Sparen waren. Wir hätten keine Soziale Marktwirtschaft, wenn der Markt für seine armen Pappenheimer nicht doch noch ein großzügiges Geschenk im Petto hätte. Kauft zwei Schokoriegel und ihr kriegt einen Eintritt in einen Freizeitpark geschenkt! Dann seid ihr zwar arm und adipös, aber wenigstens für ein paar Stunden auf der Sonnenseite des Lebens. Living la dolce vita, Kinners.


Ich bin wahrlich ein Freund des Kapitalismus. Aber ob der Eintritt in Freizeitparks in meiner Nähe (was für mich eigentlich immer – zumindest im Ansatz – eine Art Allgemeingut war) derart von meinem Einkommen abhängen muss, ist gar nicht mal so geil. Und so bleibt vielen Hartz-4-Kids am Ende wohl doch nur der Görlitzer Park als Alternative. Heute privat und morgen beruflich. Und falls auch ihr zu der beschriebenen Gruppe gehört und euch zwischenzeitlich die Sehnsucht plagt, schaut doch einfach auf meine Insta-Seite, lasst ein Like da, kommentiert und teilt. Danke, Merkel.

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