• Robin

Corona und der Traum von der Belanglosigkeit

Aktualisiert: Mai 5


Es ist soweit. Für alle Großeltern und Eltern, die immer sagten, als junger Mensch kenne man nur eine glückliche, sichere Welt, gilt ab heute: Endlich gibt es etwas, das man den Enkelkindern erzählen kann. Denn wir Millennials erleben unsere erste wirklich große Krise. Mit einer weitreichenden Konsequenz, die Glück und Leid zugleich ist: Abstand halten.


Keine Krise ohne Hashtag

Doch „Abstand halten“ alleine reicht nicht. In Zeiten von TikTok, Insta, Zoom und Snapchat braucht es einen handfesten Kriegsruf. Etwas, das Gemeinschaft schafft, inflationär in allen Social-Media-Kanälen bespielt werden kann, easy mit der Autokorrektur auf den Smartphones klarkommt und dabei kurz genug ist, um es als Hashtag zu verwenden. Quasi ein weltoffenes und rational krisenbewusstes Pendant zum ostdeutschen „Wir sind das Volk“. Et voilà: Herzlich willkommen auf der Welt #socialdistancing. „Wir bleiben zuhause“-Sticker ersetzen in Insta-Stories die guten alten Personenerwähnungen und anstelle von Memes werden heute Videos von unnatürlich hübschen Menschen in ihren Villen rumgeschickt. Vorbei sind die Zeiten, in den man erst nach draußen gehen muss, um an den Selbstinszenierungen von hypergestylten Großstädtlern zu erkranken.


Der Grund liegt auf der Hand: Nie haben wir leichter Zustimmung oder vielleicht sogar Lob für etwas bekommen, wie bei einem Bekenntnis zu „Social distancing“. Ein einfacher Post heilt mehr Narben als drei Jahre Therapie. Und sogar Netflix ohne Chill (Solokreation ausgenommen) war niemals mit so viel Prestige versehen wir heute. Möglich macht es das Google Chrome-Tool „Netflix Party“, mit dem Freunde zusammen und synchron Filme schauen können. Es fehlt an nichts. Nicht mal das Daten, denn das fand auch schon vor Coronazeiten überwiegend online statt. Nicht nur Netflix verbucht eine höhere Nutzerzahl und Verweildauer, sondern auch Tinder. Irgendwo habe ich gelesen, dass Forscher*innen schon vorsichtig von „tiefgründigeren Gesprächen“ schreiben. Und auch das Auberginen-Emoji habe wohl eine beachtliche Wiederbelebung erfahren…


Merkel, Corona und Deutschlands Superhelden

Mit der steigenden Intervention von Vater Staat entwickelt sich aber nicht nur die Follower-Anzahl nach oben, sondern auch das politische Bewusstsein. Krisenmutti Merkel verzeichnet eine enorme Popularität. Fernsehansprachen und Pressekonferenzen werden millionenfach geschaut und für die deutschen Christdemokraten hat vor wenigen Wochen die Zeit der Dauererrektion begonnen. Jens Spahn, Markus Söder und politisches Sandwichkind Armin Laschet wohin das Auge reicht. Krisenmanagerin Merkel und ihre waschechten deutschen Männer, die in dutzenden Talkshow über Infektionen, einer Auferstehung des deutschen Fußballs und über das Oktoberfest reden, das nun definitiv nicht stattfinden wird. Der Bierkrug der Claudia Oberts unter uns wird 2020 endgültig nicht durch das Festbier in München gefüllt, sondern von unseren Tränen. Alle CSUler, die dachten, die Flüchtlingspolitik 2015 wäre eine Krise, haben ihre Rechnung nicht mit dem Coronavirus gemacht.


Ja, es ist die Zeit, in der erwachsene Menschen nach abgesagtem Oktoberfest live im TV heulen, die Regierungschefin Beliebtheitswerte wie im Kaiserreich hat und die Millennials zum ersten Mal für das gelobt werden, was sie am besten können: Zuhause bleiben.


Soweit so gut. Auf der anderen Seite können die Unterschiede zwischen Menschen, die die Corona-Krise zum Anlass nehmen, ihren Lifestyle zu ändern und denen, die wirklich existenziell unter den Folgen leiden, größer nicht sein. Die Bubble aus Onlineseminaren, Homeoffice, DIY-Videos und Kochorgien ist mittlerweile so bequem, dass es mit der Lebensrealität von Eltern mit Kleinkindern, Menschen, die auch ohne Krise am Existenzminimum leben oder in die Langzeitarbeitslosigkeit rutschen, nicht mehr viel gemeinsam hat. Und so wirklich interessant wird es in Sachen Solidarität daher erst jetzt: Bleiben wir ruhig in unserer Bubble, oder sind wir die ersten, die den fragilen Erfolg durch Corona-Partys gefährden werden? Da es uns spätestens nach dem ersten Tête-à-Tête i, Netflix-Trashformat „Finger weg!“ unter den Nägeln brennen wird, kann man skeptisch sein.

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