• Robin

3 bittere Erkenntnisse, die wir Weiße schon längst hätten haben sollen

Aktualisiert: Juni 3

Als Weißer lebt es sich wie in den wenigen Rettungsbooten der Titanic. Je nachdem wer die Sitznachbarn sind, ist es nicht immer bequem, aber durchaus sicher. Während man 1912 einfach an den Sterbenden vorbeigezogen ist, ist man heute um einiges weiter. Man klatscht. Aus Solidarität. Oder man postet entsetzt Stories auf Instagram. We’re all in the same boat, so ließt man häufig.



Heute, 2020, brennt die Welt. Vielen Menschen, denen allein aufgrund ihrer Hautfarbe eine exorbitant hohe Privilegiertheit zukommt, mich eingeschlossen, überkommt das verzweifelte Gefühl der Wut und Trauer. Denn die Bilder, die uns aus Amerika ereilen, sind alles andere als leicht zu ertragen. Das Video eines verhafteten Schwarzen, der keine Luft bekommt, von einem Mann, der von zwei Weißen erschossen wird und von einer Gruppe von Menschen, die nach Jahrzehnten solcher Erfahrungen nicht mehr weiterwissen. Nicht nur in Amerika. Und es wird laut. Aktuell zum Beispiel in den sozialen Medien, in denen hunderttausende User Solidaritätsbekundungen aussprechen. Doch was viele weiße Empörte von der schwarzen Community unterscheidet, ist die Tatsache, dass der Aufschrei in der Mehrheit relativ schnell wieder verstummt. Und damit wären wir bei einem grundlegenden Problem im Kampf gegen Rassismus. Zeit, einige bittere Erkenntnisse für uns Weiße festzuhalten:

1. Diskriminierung von Schwarzen hat – Achtung: Spoiler! – nichts mit der Lebensrealität von Weißen zu tun. Das ist kein Schuldzuspruch. Es ist ein Appell, als weiße Mehrheitsgesellschaft besonders sensibilisiert zu sein.

Wenn ich an Privilegiertheit denke, dann an ein Eigenheim, Bildung und Perspektive. Keine Diskriminierung und keine Ausgrenzung, sondern ein stabiles und vor allem sicheres soziales Umfeld. Würde ich mir eine privilegierte Durchschnittsfamilie zusammendenken, die diese Kriterien erfüllt, dann sehe ich vor allem eine weiße Familie vor meinem inneren Auge. Nicht unbedingt heteronormativ, aber durchaus weiß. Meine Lebensrealität, mein soziales Umfeld. Politisch eher liberal sozialisiert, mal mehr und mal weniger mit sicheren Jobperspektiven. Aber weiß. Die soziostrukturellen Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen finden in meinem sozialen Umfeld eine Eins-zu-Eins-Anwendung. Mein Leben in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ist zwangsläufig das Leben in einer Bubble. Wenn ich über Drangsalierungen von Schwarzen oder Hetzjagden lese, dann sind es keine eigenen Beobachtungen. Denn einige schwarze Freundinnen und Freunde hin oder her – ich lebe ein durchschnittliches weißes Leben. Somit führe ich – wie vermutlich die meisten weißen Menschen – ein Leben mit Informationsdefizit. Diskriminierung: Ich sehe es nicht persönlich, obwohl es alltäglich ist. Man bleibt ziemlich lange still, denn wo auch ansetzen? Die weiße Mehrheitsgesellschaft sollte mehr als nur aus philanthropischer Neugier heraus das Thema Rassismus in den öffentlichen Diskurs aufnehmen. Es gehört zur humanitären Pflicht, zu erkennen, dass eine eigene Bildung über Rassismus – gerade wenn es so vermeintlich fremd ist – Anfang und Ende der jahrhundertelangen Unterdrückung sein kann. Denn, die Bilder aus Amerika zeigen es ganz deutlich, es ist immer noch bitterer Alltag. Und zwar nicht nur in Amerika.

2. Alltagsrassismus nennt sich Alltagsrassimus, weil er alltäglich und omnipräsent ist.

In den 90er Jahren erschien der Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Eine Komödie, in welcher der Hauptdarsteller Phil Connors (hervorragend gespielt von Bill Murray) ein und demselben Tag immer und immer wieder durchlebt. Eine scheinbar nie enden wollende Zeitschleife. Es ist fast nicht vorstellbar, dass viele Menschen auf dieser Welt etwas ähnliches aufgrund ihrer Hautfarbe durchmachen müssen. Immer und immer wieder. Für eine Freundin von mir waren zum Beispiel fremde Hände, die nicht nur einmal ungefragt in ihren Afrolook gegriffen haben. Ich hoffe jetzt mal, dass die meisten Leser*innen dies nicht auf sich beziehen können. Dann nehmen wir mal ein vermeintlich „harmloseres“ Beispiel. Wie oft ist uns Weißen wohl Menschen of Color gegenüber schon die Frage „Woher kommst du?“ ausgerutscht? Und wie oft haben wir auf die Antwort „Deutschland“ wohl nachgehakt, woher die Person „denn wirklich“ kommt? Einmal, zweimal, dreimal? Ich kann mich konkret an vier Male erinnern, an denen ich diese Frage gestellt habe. Vier Male, an denen ich einem Menschen of Color das Gefühl gegeben habe, irgendwie dann doch nicht eine/r „von uns“ zu sein. Fast könnte man sagen „eine lange Liste an einfachen Beispielen“. Doch einfach ist daran überhaupt nichts. Im Gegenteil. Es ist ein ziemlich dramatisches Symptom für ein unfassbar komplexes Problem. Ganz zu schweigen, von der Verkäuferin oder dem Verkäufer, die oder der den Menschen of Color in Deutschland ohne weitere Hinweise auf die Sprachkenntnisse plötzlich auf Englisch anspricht. Rassismus, das sollten wir in Zeiten von Trump, AfD und Co. in unsere Beurteilung einbeziehen, ist nicht ausschließlich ein ermordeter Schwarzer. Es ist das widerlichste und unmenschlichste Ergebnis davon.


3. Anti-Rassismus ist kein Ding von Schwarzen. Es ist ein gemeinsamer Kampf, ein ewigdauerndes Wortgefecht.

Wenn uns die Bilder von Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe erschossen werden, schockieren, wenn es uns sauer aufstößt, dass politische Ränder an Macht gewinnen und Schwarze schon im Kindesalter weinend von der Schule kommen, dann ist es ein gemeinsames Problem. Wir können nicht Nutznießer einer weltoffenen Gesellschaft sein und auf der anderen Seite über Fehlverhalten einiger hinwegsehen. Das fängt im Familienkreis an, geht über zu Freunden und hört auf bei Fremden, die ganz offensichtlich etwas Falsches tun oder sagen. Das birgt jedoch zwei Herausforderungen. Erstens, wir müssen Rassismus erkennen können. Das braucht Bildung. Wir brauchen uns nicht auf Schwarze stützten, die uns etwas über Rassismus erzählen, wenn der liebe Gott uns ein funktionierendes Gehirn in den oberen Teil unseres Körpers gesetzt hat. Natürlich lohnt es sich, das Gespräch zu Betroffenen von Rassismus zu suchen. Aber einen Menschen of Color als Ausstellungsexponat anzufordern, der/die uns das kleine ABC des Rassismus erklärt, ist im Kern schon falsch. Es entspricht auch nicht der Logik, Rassismus durch Eigeninitiative entgegenzutreten. Und zweitens müssen wir den Mut haben, mit dem Wissen über Rassismus auch Verhaltensänderungen bei uns und in unserem Umfeld einzufordern.

Nun, einige Tage und Wochen nach den jüngsten Ereignissen in den USA, verkünden unzählige Menschen ihre Solidarität mit der schwarzen Community. Eine - verhältnismäßig - unglaubliche Formation von weißen Menschen, die sich aktiv gegen Rassismus aussprechen. Der Instagram-Feed ist voll mit Posts zu den Ereignissen rund um Minneapolis. Das Gefühl beim scrollen: Erstaunt, beflügelt und absolut unsicher. Ich maße mir nicht an, im Namen der schwarzen Community sprechen zu können. Gleichzeitig habe ich die Vermutung, dass nicht Wenige sich die Frage stellen, wie all jene Weiße, die heute ihre Stimme erheben, den Rest der vergangenen Jahrzehnte verbracht haben. Höchstwahrscheinlich schweigend. Erstickt diese laute Stimme so schnell wie sie ertönte, dann war diese Formation mehr ein mit-dem-Trend-gehen als wahrer friedlicher Widerstand. Und weder beginnt Widerstand mit einem Post, noch endet er mit einem Post. Integrität bedeutet, heute nicht darüber zu weinen, dass ein schwarzer junger Mann auf offener Straße erschossen wurde und morgen zur Tagesordnung zurückzukehren. Hat die weiße Mehrheitsgesellschaft dies erstmal erkannt, schafft die Welt vielleicht irgendwann eine grundlegende Veränderung ohne Gewalt. Und zwar gemeinsam mit all den Menschen, die sich 2020 anders nicht mehr zu helfen wissen.


(Ein Artikel ganz ohne Garantie auf Vollständigkeit.)

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