• Robin

2020. Jetzt aber.



Wenn es um den Jahreswechsel geht, so hat sich eine ziemlich einfache Rechnung eingebürgert: Lass dich zu Weihnachten monetär beschenken, verbrate es zu Silvester, vergiss, was zwischen dem 31. Dezember und 01. Januar geschehen ist und versuche alles einfach nochmal neu. Denn das wurde dringend Zeit. Game of Thrones fand ein Ende, Netflix setzte Skylines ab, Karl Lagerfeld starb und Greta fuhr 1. Klasse. Und weil das nicht genug war, hat Instagram auch noch die Stalkingfunktion abgeschaltet. 2020, es gibt so vieles, was du nun anders machen musst.


Bricht ein neues Jahr an, gibt es in der Regel zwei Typen von Menschen. Einmal sind da Jene, die direkt am 1. Januar munter mit ihren subventionierten Wollkragenmänteln und mit Pumpkin-Spice-Latte in der Hand so tun, als hätte das Vorjahr und vor allem Silvester keinerlei Spuren hinterlassen. Und dann gibt es die, die sich in der ersten Neujahreswoche regelrecht wie Jesus in der Endszene von Mel Gibson’s „Die Passion Christi“ geben: Extremen gelitten, aber befreit. Ja, Silvester hat bei den Meisten von uns wohl mehr als Erbrochenes hervorgeholt. Quasi ein Mini-Exorzismus, der uns wie der Phönix aus der Asche emporsteigen lässt, nur mit extremen Kopfschmerzen am Folgetag. Ein letztes Mal in 2019 wurden die Nieren an ihre Grenzen gebracht und alle übriggebliebenen hoffnungsvollen Gedanken zu einem „Endlich“ zusammengepfercht, als die ARD-Gurus Mitternacht verkündeten und majestätisch 2020 begrüßten. Geht übrigens gerne nochmal eure Partybilder durch: Ich verspreche euch (solltet ihr Bilder haben), dass ihre eine Fraktion an Menschen dort finden werdet, die wie von einer Tarantel gestochen ihre Liebsten liebkosen, während die anderen still und heimlich, wie ein Junkie während seines Schusses, Tränen der Freude vergießen. 2020, du kamst keine Sekunde zu früh. In dich einzudringen, fühlt sich an, wie in einen leeren Bus zu steigen, auf den man zwanzig Minuten bei Wind und Regen an einer überfüllten Haltestelle gewartet hat.


Es ist erstaunlich, wie der einfache Schlag eines Minutenzeigers (und der begleitende Alkoholkonsum) maßgeblich unsere innere Haltung zu uns selbst verändert. Womit wir beim nächsten Punkt wären, den Neujahresvorsätzen. Das sind die, von denen jeder um die Weihnachtszeit spricht und die restlichen Monate des Jahres dann niemand mehr von hören möchte. Was im Grunde eine wirklich schöne Sache ist – würde man ernsthafte Ambitionen hegen und sie nicht nur dafür nutzen, um so zu tun, als hätte man einen Plan, wo es mit einem hingehen soll – entpuppt sich für die Hardliner unter uns von Jahr zu Jahr eher zu einer Form des Masochismus, als für irgendetwas anderes. Aber was solls, YouTube-Hundevideos werden uns schon wieder aufpäppeln.


Gerade in Zeiten der Greta-First-Class-Thunberg, ist „nachhaltiger leben“ natürlich extrem en vogue für Neujahresvorsätze. Vegane Ernährung, mehr Investitionen in den Chihuahua-Schutz und selbstverständlich böllerfreie Festlichkeiten! Oh ja, die gute Greta gehört – neben Angela Merkel – wohl zu den wenigen Dingen, die wir aus 2019 übernehmen werden. Jetzt, wo nicht nur die Politik, sondern auch die Boulevardpresse mit Greta eine Garantin für Zündstoff gefunden hat, wird sie nicht nur AfD-blaue Ewiggestrige oder Deutschen Bahn-PR-Mitarbeiter an die Grenzen bringen, sondern auch uns. Ob die Beteiligung an Klimastreiks 2020 in Sachsen wohl zu einem gesellschaftlich akzeptierten Grund wird, Kinder zur Adoption freizugeben? Wir packen unseren Koffer und nehmen mit: Greta, endlose Nachhaltigkeitsdebatten, Merkel und überholte Neujahresvorsätze.


Vielleicht sollten wir es zur Ausnahme mal mit einem etwas entspannteren Jahreseinstieg versuchen, uns von den mühsamen Wenn-Dann-Konstruktionen verabschieden und uns auf die Dinge konzentrieren, die wir haben. Studium noch nicht abgeschlossen? Sieh es wie mein Mitbewohner: Der Nebenjob macht Spaß, Herr Südberg von der universitären Rechtsberatung hat ihm feierlich das „Du“ angeboten (seit Kurzem: Egolf) und Frau Müller-Michelsen von der Essensausgabe der Mensa, gibt ihm mittlerweile regelmäßig aus Mitleid eine Extraportion Kartoffelbrei. At least he tried. Hingefallen, aufgestanden, Krone gerichtet, wieder hingefallen. Aber wenigstens ohne nervigem „Du machst dein Studium fertig“-Vorsatz im Nacken.


Zum Jahresanfang werden wir Deutsche regelmäßig besonders streng mit uns. Was auf der einen Seite gut ist, da wir uns zur Ausnahme mal mit uns und nicht mit den bösen Ausländern beschäftigen, führt andererseits dazu, dass wir ein Jahr nur wegen der Zahl auf dem Briefkopf glorifizieren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass das Meiste, was wir in den nächsten 365 Tagen tun werden, auch vorher schon längst hätten machen können. Wenn wir uns Ziele stecken, dann bitte realistische. Oder am besten gar keine Ziele, sondern feste Entscheidungen. Einer Freundin von mir brachte diese Einstellung einen neuen Job, einen Hund und eine Australienreise. Erfolgreicher als jeder Diät-Vorsatz. Und bis dahin, lasst uns in das Jahr gehen wie in eine Klausur: Ergebnisoffen.

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